Mein "erstes Mal" war am 13.1.1997. Zur damaligen Zeit war ich Bayernfan. Das hatte weniger etwas damit zu tun, dass sie erfolgreich waren bzw. weil jeder sie mochte (das war in meiner Schulklasse nicht wirklich der Fall, ja es gab sogar Frankfurtfans und die Borussen waren in der absoluten Überzahl). Dass es einen lokalen Verein in der Stadt gab, der in der Regionalliga spielte, davon hatte ich sogar gehört, aber das war's dann auch schon.
Mandant in der Firma meiner Mutter war damals eben jener Erfurter Fußballverein. Der RWE hatte einen aufstrebenden Stürmer namens Ronny Hebestreit, den die Bayern verpflichten wollten bzw. es auch taten und in diesem Zusammenhang gab es eine Art Abschiedsspiel, RWE-Bayern München. Aufgrund des Mandats bekam die Firma, in der meine Mutter arbeitete, die Möglichkeit, sich sehr günstige Tribünenkarten zu erwerben. Da in der Firma ausnahmslos Frauen arbeiteten, kann man sich vorstellen, wie groß die Nachfrage danach war. Meine Mutter fragte mich eines Abends in einem Nebensatz, ob ich da vielleicht zufällig hingehen würde. Zum damaligen Zeitpunkt war noch nicht publik geworden, dass das Spiel stattfinden würde und ich war sicher, sie müsste da irgendwas verwechselt haben. Vermutlich kamen nicht die Bayern, sondern irgendeine andere Mannschaft, vielleicht zufälligerweise auch aus Bayern. Sie hatte das aber doch richtig mitbekommen und so marschierte ich einige Tage später in die Geschäftstelle des Vereins. Ich kannte mich nicht aus und es gab da auch kein Hinweisschild o.ä., dass sich die Büros in der 1. Etage befinden. Ich lief prompt in die Umkleidekabinen, bei uns läuft auch heute noch alles etwas gelassener ab, wir sind Drittligist, da schließt man nicht ängstlich jede Tür ab

. Glücklicherweise war niemand in der Kabine und so floh ich dann recht schnell und stand kurz darauf in einem leeren Büro. Irgendwann kam ein Mann und fragte mich, wo ich eigentlich hin wolle. Den Namen des Mannes, der mir die Karten verkaufen sollte, den wusste ich nicht mehr genau und so stotterte ich etwas vor mich hin, was der Mann natürlich nicht verstand. Irgendwann klappte es dann doch und der lenkte mich zur Tür des Mannes: "Rechts, dann geradeaus, links und gleich wieder rechts." Ich hatte sofort alles vergessen. Gefühlte Stunden später fand ich dann den richtigen Mitarbeiter, der mir prompt auch gleich eine Karte fürs nächste Ligaspiel andrehen wollte. Ich weiß noch, dass es gegen Aue war und dass ich dachte, wer zur Hölle Aue sein soll. Mein akkutes Desinteresse irritierte ihn zutiefst, ich sehe heute noch seinen schockierten Gesichtsausdruck vor mir, als ich wahrheitsgemäß antwortete: "Aue? Kenn ich nicht."
Es war ein Dienstag, das Spiel sollte abends stattfinden. Wir hatten nachmittags Sport und ich entschloss mich spontan, das zu schwänzen. Mir war dermaßen schlecht vor Aufregung, dass ich sowieso nichts zustande gebracht hätte (wie immer eigentlich). Das Stadion war natürlich ausverkauft und ich brauchte ewig, ehe ich meinen Platz fand. Das Nummerierungssystem durchschaute ich nicht. Ich hatte eine Art Opernglas mitgebracht, damit ich besser sehen konnte und dieses amüsierte jeden um mich herum, sodass ich es irgendwann peinnlich berührt wegsteckte. Das Stadion war gut gefüllt mit Bayernfans, mit Eventfans und tausenden von Leuten, die man sonst nie im Stadion sah. So wie mich. In meiner Umgebung war eine kleine Gruppe Kinder, Erfurtfans, die 90 Minuten lang lautstark für ihren RWE sangen, egal, wie hoch man am Ende hinten lag. Das fand ich absolut bemerkenswert. Auch in der Südkurve hatten es die Fans geschafft, sich immer mal wieder Gehör zu verschaffen und sie sangen tapfer gegen unermüdliche Schweiger und Bayernfans an, die sich durch die Fanunterstützung für Erfurt in der Erfurter Fankurve gestört fühlten. Von den Bayernfans hörte man nichts, keine Stimmung, null. Das darf aber auch nicht verwundern, immerhin bestanden vermutlich 90% der Bayernfans aus Leuten, die sich sonst nicht ins Stadion verirrten. Ich will niemanden schlecht reden, aber das war damals einfach mein Eindruck. Zum Spiel kann ich gar nicht mehr so viel sagen. Die Erfurter haben gekämpft, die Bayern haben es gemütlich angehen lassen. Das Spiel endete 4:1 für die Münchner.
Dieser Stadionbesuch hat mich damals sehr geprägt. Bei den meisten Menschen ist es wohl so: wenn du das erste Mal ein Livespiel siehst, dann gefällt es dir und du kommst wieder oder du lässt das Thema fallen. Ich war definitiv völlig fasziniert und wusste, dass ich so bald wie möglich wieder ein Spiel sehen wollen würde. Da mich die Erfurter durchaus beeindruckt hatten mit ihrem Kampfgeist, entschloss ich mich später, mir auch Ligaspiele anzutun. Das Wort antun traf es damals sehr gut, denn bei Erfurt sah es damals nicht nur finanziell eher mau aus. Zuschauertechnisch war es damals normal, wenn man um die 3.000 Leute bei Heimspielen hatte, konnte in schlechten Zeiten sogar schlimmer sein. Die Ultras gab es zwar schon, aber erst sehr kurz und es ist kein Vergleich zu heute. Damals konntest du noch in Block 3 gehen und hast jedes zweite Wochenende dieselben Gesichter gesehen, man kannte sie fast alle. Ich hab es nie bereut und wundere mich noch heute etwas, dass dieses Spiel, welches ich eigentlich nur wegen den Bayern sehen wollte, am Ende dazu führte, dass ich mich Stück für Stück von den Bayern entfernt und den Erfurtern zugewendet habe. Das nennt man vielleicht Schicksal

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Ach ja. Mittlerweile weiß ich übrigens, wer oder was dieses Aue ist

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